Nur ein Gespräch…
mit mir Selbst.

Das Café war fast leer.
Es zogen graue schwere Wolken am Himmel auf. Die Passanten beschleunigten ihre Schritte um schneller an ihr Ziel zu gelangen. Regen zog auf. Die Luft roch frisch und klar. Die Ruhe vor dem Sturm. Drinnen klirrte irgendwo Geschirr. Die Kaffeemaschine zischte. Die Wärme des Raumes umschloss mich.
Wie oft war ich schon hier gewesen?
Sie saß am Ende des Raumes. An unserem Stammplatz. Dicht am Fenster.
Natürlich saß sie dort. Sie kannte mich besser als jeder andere. Ihr hatte ich noch nie etwas vormachen können.
Zwanzig Jahre lang war sie an meiner Seite gewesen. Meine treueste Begleiterin. Das dieser Tag des Abschiedes jemals kommen würde, damit hatte ich nie gerechnet. Bis heute.
Mein Herz war schwer. Mit hohem Puls nahm ich ihr gegenüber platz. Ich Zwang mich sie anzusehen.
Sie lächelte nur, als ich mich setzte.
Dieses gewinnende Lächeln. Sie traute meiner Entschlosenheit nicht. Sie glaubte nicht an unser Ende.
„Du siehst müde aus.“ begann sie.
„Bin ich auch.“ antwortete ich und wunderte mich selbst, über meine brüchige Stimme.
„Von mir?“
Ich zog die Jacke aus.
„Nein. Von mir selbst.“
Die Kellnerin stellte zwei Tassen auf den Tisch. Ich blickte dankbar zu ihr auf. Die Kellnerin entfernte sich zügig und verschwand hinter der Theke.
Meine kalten Finger umschlossen die heiße Keramik der Tasse. Meine treue Begleiterin hatte für uns bestellt. Einen Milchkaffee für mich und einen Tee für sich selbst.
„Du gehst also wirklich.“ durchbrach sie die Stille.
„Ja.“
Sie nickte langsam, als hätte sie diese Antwort erwartet.
„Das finde ich schade.“
„Ich weiß.“
„Wir hatten doch ein gutes Leben zusammen.“
Ich schaute sie an.
Sie meinte es ernst.
Und vielleicht machte genau das den Abschied so schwer.
„Du hast mir geholfen“, sagte ich.
„Natürlich habe ich das.“
„Ja.“
„Siehst du.“ Sie lehnte sich zurück.
„Wer war bei dir, als du Angst hattest, allein zu sein?“
„Du.“
Ich nahm ihren selbstgerechten Blick wahr, den sie mir zuwarf.
„Wer hat dafür gesorgt, dass immer jemand da war?“
„Du.“
„Wer hat dich lieben lassen?“
Ich lächelte. Zögerlich setzte ich mich aufrechter hin. Ich suchte die beste Sitzposition um dem Nachdruck zu geben, weswegen ich gekommen war.
„Das ist der Punkt. Ich weiß nicht mehr, ob ich geliebt habe.“
Zum ersten Mal wurde sie nervös.
Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei.
„Wie meinst du das?“
Ich drehte die Kaffeetasse zwischen meinen Händen.
„Ich glaube, ich habe Leben gesammelt.“
„Leben?“
„Ja.“
Sie räusperte sich und begann mit einem Löffel in ihrer Tasse herum zu rühren.
Ich dachte an den Mann, der nur auf Reisen wirklich lebendig wurde.
Mit ihm lernte ich Flughäfen, Sonnenaufgänge in fremden Städten und das Gefühl kennen, ständig unterwegs zu sein.
Ich dachte an den Mann, der loyal war wie ein Fels.
Der mir nie Anlass gab, eifersüchtig zu sein.
Der blieb.
Immer.
Ich dachte an die Männer, die nicht erreichbar waren.
An die Männer, die mich brauchten.
An die Männer, die mich bewunderten.
An die Männer, die mich übersahen.
„Ich habe durch sie viele Leben kennengelernt“, sagte ich.
„Aber?“
„Nie meines.“
Etwas flackerte in ihrem Blick.
„Das ist unfair.“
„Nein.“
„Doch.“
Sie beugte sich vor.
„Ich habe dich beschützt.“
„Das hast du.“
„Ich habe dich beschäftigt, wenn dein eigenes Leben zu groß wurde.“
Ich nickte.
„Ja.“
„Ich habe dir Aufgaben gegeben.“
„Ja.“
„Ich habe verhindert, dass du scheiterst.“
Da musste ich lachen.
Zum ersten Mal.
„Genau.“
„Warum lachst du?“
„Weil du recht hast.“
Sie verstand nicht.
Noch nicht.
„Du hast verhindert, dass ich scheitere.“
Ich senkte den Blick, weil ich ihre Zweifel mir gegenüber spürte.
„Aber du hast auch verhindert, dass ich es überhaupt versuche.“
Zwischen uns entstand eine Stille.
Eine ehrliche Stille.
Keine verletzte.
Keine wütende.
Die Stille von etwas, das sich zum ersten Mal wahrhaftig sieht.
„Du hast Angst“, sagte sie schließlich.
„Ja.“
Wir sahen uns an.
„Vor dem Alleinsein.“ flüsterte sie und begann zu lächeln.
„Nein.“
Jetzt war ich es, die lächelte.
„Das ist neu.“ murmelte sie und sank zurück.
„Wovor dann?“
Ich schaute hinaus auf die nasse Straße.
„Davor, mich wieder zu verlieren.“
Sie antwortete nicht. Ich hörte ihren gleichmäßigen Atem.
„Weißt du“, sagte ich leise, „früher hätte ich alles getan, damit ein Mann bleibt.“
Sie nickte.
„Ich weiß.“
„Heute würde ich alles tun, damit ich bleibe.“
Zum ersten Mal sah sie traurig aus.
Nicht verletzt.
Nicht wütend.
Nur traurig.
Wie jemand, der merkt, dass seine Zeit vorbei ist.
„Und wenn niemand mehr kommt?“
Da war sie.
Ihre letzte Karte.
Ihre stärkste Karte.
Die Karte, die sie immer gespielt hatte.
Diese Argumente die mich unter Druck setzten, in alte Muster zu verfallen.
Wenn niemand mehr kommt.
Wenn ich zu alt bin.
Wenn mich niemand mehr wählt.
Wenn ich am Ende doch allein bleibe.
Ich nahm den letzten Schluck Kaffee.
Dann stellte ich die Tasse langsam zurück auf den Tisch.
„Dann habe ich wenigstens mich.“
Sie sah mich lange an.
Und zum ersten Mal wusste ich nicht mehr, welche von uns beiden die stärkere war.
Vielleicht musste niemand gewinnen.
Vielleicht war das hier keine Niederlage.
Vielleicht war es einfach ein Abschied.
„Du willst das wirklich?“
Sie begann zu begreifen.
Als ich später aufstand, blieb sie sitzen.
Ich küsste sie auf die Stirn.
Dankbar.
Liebevoll.
Fast zärtlich.
Denn sie hatte mich durch Jahre getragen, in denen ich noch nicht bereit gewesen war, mir selbst zu begegnen.
Aber jetzt war ich es.
Und zum ersten Mal hatte ich nicht das Gefühl, jemanden zu verlassen.
Sondern nach Hause zu gehen.




