Kühlschrank

Wenn Nichtstun sich wie Scheitern anfühlt

Es ist Wochenende.

Draußen scheint die Sonne. Menschen sitzen in Cafés, treffen Freunde, machen Ausflüge, erleben etwas. Man hört Stimmen von der Straße, das gelegentliche Lachen vorbeiziehender Gruppen, das leise Summen einer Welt, die in Bewegung ist.
Und ich sitze auf meiner Couch.
YouTube läuft. Irgendwelche Videos über verlassene Gebäude, paranormale Untersuchungen, Kriminalfälle oder Dokumentationen. Dinge, die mich normalerweise interessieren. Doch an diesem Tag berührt mich nichts davon wirklich. Die Bilder laufen über den Bildschirm. Die Stimmen füllen den Raum. Aber ich höre nur mit halbem Ohr hin.

Der Tag zieht vorbei.

Ich stehe auf, gehe in die Küche, öffne den Kühlschrank, starre hinein. Nicht weil ich wirklich Hunger habe, sondern weil mir nichts Besseres einfällt. Ich nehme irgendetwas heraus, esse ein paar Bissen, schließe die Tür wieder und gehe zurück ins Wohnzimmer.
Zurück auf die Couch.
Draußen läuft das Leben weiter.
Und während ich mich wieder hinlege, taucht dieser Gedanke auf: Ich könnte jetzt auch irgendwo anders sein.

In einem Café.
Mit Freunden.
Im Gespräch.
Mitten im Leben.

Stattdessen liege ich hier und beobachte, wie die Stunden vergehen.
Irgendwann schlafe ich sogar ein.
Nicht geplant. Nicht bewusst. Einfach wegdriften.
Als ich später wieder aufwache, ist der Nachmittag fast vorbei. Und mit ihm kommt dieses unangenehme Gefühl, das ich nur zu gut kenne.

Ich habe den Tag verschwendet.

So fühlt es sich zumindest an.

Ich habe nichts geschaffen. Nichts erlebt. Keine Probleme gelöst. Keine Geschichte geschrieben. Keine Entscheidung getroffen. Keine Erinnerung erzeugt, die diesen Tag besonders macht.

Während andere Menschen ihr Leben gelebt haben, habe ich meines abgesessen.
Zumindest erzählt mir mein Kopf genau diese Geschichte.
Und vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum sich solche Tage so schwer anfühlen.
Nicht weil nichts passiert.
Sondern weil wir gelernt haben, dass immer etwas passieren muss.
Wir leben in einer Welt, die Bewegung liebt.

Wer beschäftigt ist, wirkt wichtig.

Wer produktiv ist, gilt als erfolgreich.

Wer viel erlebt, scheint das bessere Leben zu führen.

Stillstand dagegen hat einen schlechten Ruf.

Wenn wir nichts tun, fühlen wir uns schnell schuldig. Als müssten wir die verlorene Zeit später wieder aufholen. Als wäre unser Wert davon abhängig, wie viel wir leisten, wie viel wir erschaffen, wie viel wir beitragen.
Wir funktionieren.
Im Beruf.
In Beziehungen.
In Freundschaften.
Im Alltag.

Wir organisieren, planen, reagieren, lösen Probleme und erfüllen Erwartungen. Oft so selbstverständlich, dass wir vergessen, wie viel Energie dieses ständige Funktionieren eigentlich kostet.
Vielleicht fällt es uns deshalb so schwer, einfach einmal nichts zu tun.
Nicht, weil wir Ruhe nicht mögen.

Sondern weil in der Ruhe niemand mehr applaudiert.
Niemand bestätigt uns.
Niemand braucht etwas von uns.
Da sind nur wir selbst.


Und genau das kann überraschend unangenehm sein.

Denn wenn die Ablenkungen verschwinden, wenn keine Aufgabe auf uns wartet und kein Termin unsere Aufmerksamkeit fordert, dann bleibt plötzlich ein Raum zurück.

Ein leerer Raum.

Und die meisten von uns haben gelernt, diesen Raum sofort wieder zu füllen.
Mit Serien.
Mit Nachrichten.
Mit Social Media.
Mit Verabredungen.
Mit neuen Plänen.
Mit irgendetwas.

Hauptsache, wir müssen nicht spüren, wie sich dieser Stillstand anfühlt.

Dabei frage ich mich inzwischen, ob wir die Sache vielleicht falsch herum betrachten.
Was, wenn diese Leere gar kein Problem ist?
Was, wenn sie die Voraussetzung ist?
Denn wenn ich auf mein eigenes Leben schaue, dann entsteht das Wesentliche selten in den Momenten voller Aktivität.

Die wirklich guten Ideen kommen nicht, wenn mein Kalender voll ist.
Die Klarheit kommt nicht, wenn ständig etwas von mir verlangt wird.
Und die Kreativität erscheint nicht auf Knopfdruck.
Sie taucht oft erst dann auf, wenn ich lange genug aufgehört habe, nach ihr zu suchen.
Tage später.

Manchmal ganz plötzlich.
Dann sitze ich da und merke, dass etwas in Bewegung gekommen ist.

Eine Idee.
Ein Gedanke.
Ein Projekt.
Ein Satz.
Etwas beginnt sich zu zeigen.
Und das Erstaunliche daran ist, dass es sich nicht nach Arbeit anfühlt.
Es ist nicht dieses mühsame „Ich sollte mal anfangen“.

Es geschieht einfach.

Als hätte etwas in mir die ganze Zeit im Verborgenen gearbeitet.
Als hätte diese scheinbar nutzlose Zeit etwas vorbereitet, das ich selbst gar nicht bemerkt habe.
Rückblickend wirken diese leeren Tage dann plötzlich ganz anders.
Nicht wie verlorene Zeit.
Sondern wie ein Übergang.
Wie ein Innehalten.
Wie eine Unterbrechung, die notwendig war.

Denn neue Dinge entstehen nicht immer aus Bewegung.
Manchmal entstehen sie aus dem Ende der Bewegung.

Aus dem Moment, in dem wir aufhören, uns selbst anzutreiben.
Aus dem Moment, in dem wir nicht mehr funktionieren müssen.

Vielleicht liegt genau darin etwas, das wir vergessen haben.
Dass Leben nicht nur aus Tun besteht.
Sondern auch aus Raum.

Raum für Gedanken.
Raum für Gefühle.
Raum für Langeweile.
Raum für all das, was sich nicht erzwingen lässt.

Und vielleicht ist dieser Raum sogar kostbarer, als wir glauben. Denn irgendwann stehe ich wieder vor dem Kühlschrank.

Eigentlich dieselbe Situation wie ein paar Tage zuvor.
Dieselbe Küche.
Dieselbe Wohnung.
Dieselbe Kühlschranktür.
Doch diesmal sehe ich etwas anderes.

Nicht Leere.
Sondern Möglichkeiten.
Ein paar Zutaten.
Nichts Besonderes.
Aber plötzlich entsteht eine Idee.
Ich könnte daraus etwas machen.

Und genau darin liegt vielleicht die eigentliche Erkenntnis.
Die Möglichkeiten waren die ganze Zeit da.
Was gefehlt hat, war nicht Aktivität.
Nicht das nächste Erlebnis.
Nicht die nächste Aufgabe.

Was gefehlt hat, war Raum.

Raum, damit etwas in mir selbst entstehen konnte.

Vielleicht war das Wochenende also gar keine verlorene Zeit.
Vielleicht war es die Zeit, die nötig war.

Die Zeit zwischen zwei Atemzügen.
Die Zeit zwischen zwei Kapiteln.
Die Zeit, in der nichts sichtbar passiert und dennoch etwas wächst.

Und vielleicht ist das wahre Scheitern nicht das Nichtstun.
Vielleicht ist es die Angst davor.

Die Angst, lange genug still zu werden, um zu entdecken, was in uns entstehen möchte, wenn wir endlich aufhören, ständig jemand sein zu müssen.

Vielleicht beginnt genau dort das eigentliche Leben.

Nicht im Funktionieren.
Sondern im bewussten Ankommen bei uns selbst.

Nach oben scrollen