Vermeidung – ein Gedicht

Hoch oben
thronst du in deinem goldenen Käfig.
Dein stolzer Blick ruht
auf dem lebendigen Treiben unter dir.

Dir ist es längst bekannt.
Wie sie dir schmeicheln.
Deine Aufmerksamkeit suchen.
Sie kämpfen um deine Gunst.

Und du? Thronst. Stolz. Stehst über ihnen.
Schwach erinnerst du dich an jene ferne Zeit,
als du selbst einer von ihnen warst: bunt, lebendig, mutig.

Alles war erreichbar – nur einen Flügelschlag entfernt.
Dein schillerndes Gefieder,
dein wacher Geist – sie garantierten dir die Bewunderung der anderen.
Du brauchtest nichts zu tun.
Du warst einfach genug.

Doch dann!
Ein Fehltritt, ein waghalsiger Flug – und plötzlich spürtest du die Grenzen deiner Kraft.
Das Gefühl des Scheiterns brannte.
Du suchtest verzweifelt nach Sicherheit,
nach einem Rückzugsort.
So fandest du sie, deine Sicherheit, hoch oben:
ein prächtiger Käfig. Fast wie ein Thron.
Kaum hoch genug, um dich zu schützen.
Stets nah genug, um weiter ein Teil des Lebens zu sein –
kaum mehr als ein Flügelschlag entfernt.

Ein Flügelschlag, den du nur ausführen müsstest.
Doch du lernst schnell,
wie viel Ruhe im Abstand liegt,
wie viel Sicherheit in jedem deiner dich umgebenden Gitterstäben.

Nur noch du entscheidest allein darüber,
wer durch das kleine Türchen deines Käfig darf.
Jahre vergehen.

Ohne Flügelschläge. Ohne Sorgen. Ohne Mut. Ohne wahre Nähe.
Deine einstigen Begleiter, zogen weiter.
Sie lebten. Liebten. Riskierten und verstanden nicht, wie sie mit dir umzugehen hatten. Sie ließen dich zurück. Sie zogen weiter.

Nur noch jene, die zu jung oder unerfahren sind,
um zu erkennen, wer du längst bist,
wie unerreichbar,
wie erschöpft und kalt.

Doch niemand mehr, der dir auf Augenhöhe begegnet,
der dich berührt in deiner Tiefe,
der dich erinnert, wie es war, ein Teil eines Ganzen zu sein.
Doch du hast dich längst entschieden. Du bleibst zurück –
als ein König ohne Reich,
mit Flügeln ohne Kraft,
ein Vogel ohne Freiheit.

Statt Ruhe – Stille.
Statt Abstand – Distanz.
Statt Verbindung – Isolation.

Doch dein Herz schlägt.
Dein Atem geht.
Vielleicht, flüstert eine leise Stimme in dir,
sagt das es Zeit ist, wieder weniger zu vermeiden,
sondern zu wagen:
zu fühlen, zu leben, zu genießen.
Ohne Kontrolle, ohne Sicherheit –
um zu erfahren, wie es ist, wieder du selbst zu sein.
Ob du fliegen wirst,
weißt du nicht.

Doch du weißt:
kein Himmel ist so gefährlich
wie das Leben,
das man hinter goldenen Stäben verliert.
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