Vermeidung

Hoch oben
thronst du in deinem goldenen Käfig.
Dein stolzer Blick ruht
auf den flatternden Vögeln unter dir.
Sie wollen dir gefallen.
Die Bewunderung ist dir bekannt.

Schwach erinnerst du dich
an jene ferne Zeit,
als du selbst einer von ihnen warst:
bunt, lebendig, mutig.
Alles war erreichbar –
nur einen Flügelschlag entfernt.
Dein schillerndes Gefieder,
dein wacher Geist –
sie garantierten dir die Bewunderung der anderen.
Du brauchtest nichts zu tun.
Du warst einfach genug.

Doch dann forderte dich der Himmel heraus.
Ein Fehltritt, ein waghalsiger Flug –
und plötzlich spürtest du die Grenzen deiner Kraft.
Das Gefühl des Scheiterns brannte.
Du suchtest verzweifelt nach Sicherheit,
nach einem Rückzugsort.

So fandest du sie hoch oben:
ein goldener, kostspieliger Käfig.
Hoch genug, um dich zu schützen.
Nah genug, um die Welt zu beobachten –
nur ein Flügelschlag entfernt.

Du lernst schnell,
wie viel Ruhe im Abstand liegt,
wie viel Sicherheit in den Gitterstäben.
Nur du entscheidest,
wer durch das kleine Türchen darf.

Jahre vergehen,
und unbemerkt
wird dein Käfig immer höher gezogen.
Nicht mehr alle Vögel wagen den Weg zu dir.
Nur noch jene, die zu jung oder unerfahren sind,
um zu erkennen, wie hoch du sitzt,
wie unerreichbar,
und jene, erschöpft, verletzt, verzweifelt,
die Schutz suchen
und sich hilfesuchend an deine goldenen Stäbe klammern.

Doch niemand mehr,
der dir auf Augenhöhe begegnet,
der dich berührt oder dir helfen könnte,
die Tür zu öffnen
und dich zurückzuführen
in die Weite,
die Farben,
die Lebendigkeit,
die einst in dir brannte.

Du wolltest mehr Ruhe.
Mehr Abstand.
Mehr Kontrolle.
Und vergisst immer öfter,
dass nur du die Tür öffnen kannst.
Dass du Flügel hast.
Dass du fliegen kannst.
Dass du frei bist.
Du vergisst dich.

Was Zuflucht sein sollte –
eine Pause, ein Rettungspunkt –
wird dein eigenes Gefängnis.
Du wirst dein eigener Wächter,
Hüter einer Einsamkeit,
die niemand dir auferlegt hat.
Während unten die Vögel weiterziehen,
neue Ziele finden, neue Höhen,
neue Gefährten,
bleibst du oben zurück –
ein König ohne Reich,
Flügel ohne Kraft,
ein Vogel ohne Freiheit.

Statt Ruhe – Stille.
Statt Abstand – Distanz.
Statt Verbindung – Isolation.

Doch dein Herz schlägt.
Dein Atem geht.

Vielleicht, flüstert es,
ist es Zeit, nicht länger zu vermeiden,
sondern zu wagen:
zu fühlen, zu leben, zu genießen.
Vielleicht ist es Zeit,
deine Flügel auszubreiten,
den Wind zu spüren
und dich wieder waghalsig hinab zu stürzen –
ohne Kontrolle, ohne Sicherheit –
um zu erfahren, wie es ist, wieder du selbst zu sein.

Ob du fliegen wirst,
weißt du nicht.
Doch du weißt:
kein Himmel ist so gefährlich
wie das Leben,
das man hinter goldenen Stäben verliert.

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