Individuelle Bedürfnisse versus Patriarchat

„Wie ein Mädchen“

Durch den Schmerz zur eigenen Wahrheit

Wie lange hält eine Frau durch, die keine Rücksicht auf ihre eigenen Bedürfnisse nimmt? Das funktioniert lange gut. Den Preis für das Minusgeschäft bezahlt Frau dann später. Ungefähr mit Ende dreißig, Anfang vierzig. Wenn die Energietanks schneller leer gehen, als das sie sich wieder auffüllen.

Ich habe es getestet. Zum Beispiel, ob ich glücklich werde, wenn ich unangenehme Umstände lange genug aushalte. In meiner Partnerschaft wurden meine Bedürfnisse abgetan und negiert. Im beruflichen Kontext wurde ich nicht gehört und erst recht nicht ernst genommen. In beiden Fällen gab es liebe Worte, aber keine Veränderungen in den alltäglichen Taten und Umständen. Spoiler: es hat mich nicht glücklich gemacht. Konsequenzen habe ich lange Zeit nicht gezogen. Denn ich wollte weder ohne Partnerschaft noch ohne Job sein. Und ob es mir schadet, war damit nicht meine größte Sorge.

Sind meine Erfahrungen nun individuell und einzigartig, oder ist es der Grundstock für ein funktionierendes Patriarchat?

In diesem Beitrag schauen wir uns an, was harmlos wirkende Aussagen eigentlich anrichten – in unserem Unterbewusstsein und damit in unseren daraus resultierenden Handlungen. Worte haben Macht, und ein bewusster Umgang mit uns bekannten Sprüchen könnte für folgende Generationen einen wertvollen Unterschied machen.

Du bist eine Powerfrau

Damit bist du anders als eine „normale Frau die sich um unbezahlte Care Arbeiten kümmert, da du dich den messbaren Karriereerfolgen verschrieben hast“ Das Kompliment ist aber auch ganz schnell gegen dich verwendbar. „Die egoistische und unweibliche Powerfrau, die schlechte Mutter!“.

Gibt es den Powermann?

Toll wie du Job und Familie unter einen Hut bringst

Impliziert das noch immer herrschende Gedankengut: eine Frau bringt die Babys zur Welt, fällt aus diesem Grund für eine Zeit auf Arbeit aus und wird in Zukunft nicht mehr so belastbar sein. Klingt wie ein Kompliment, zeigt aber was von Frauen erwartet wird.

Gibt es den tollen Mann, dem gegenüber dieses Kompliment ausgesprochen wird?

Du bist so hübsch, warum hast du keinen Freund?

Unterstellt gleichzeitig, dass etwas mit dir nicht stimmen kann, denn mit diesem Aussehen MUSST du in einer Partnerschaft sein. Wer sagt, dass eine monogame Partnerschaft das richtige für dich ist?

Gilt dieses Kompliment dann auch für hübsche Männer?

01

Zier dich doch nicht, so wie ein Mädchen!

Im beruflichen und im partnerschaftlichen Kontext ist es mir bereits häufig passiert, das meine Meinung erst zählt, wenn sie aus dem Mund eines Mannes kommt. Möchte ich also Veränderungen erreichen, habe ich es mir angewöhnt mit Männern darüber so zu reden, dass die Männer meine Idee auf nahmen und sie einige Tage später, als ihre eigene Idee Kund taten. Klingt schräg? Ist aber der wirkungsvollste Weg für eine Frau, die ungern im Mittelpunkt steht (weil sie sich selbst nicht einmal in den Mittelpunkt ihres eigenen Lebens setzt)

Das System funktioniert ganz individuell bei mir. Führt logischerweise aber dazu, das ich als Ideengeberin nicht wahrgenommen werde. Ich bin also das Mädchen das sich ziert. Und der Mann ist derjenige, der sich nicht so zieren darf, wie es ein Mädchen tut. Merkst du was? Wie Individuell kann es in unserer Gesellschaft also sein, dass Frauen Angst davor haben, in den Fokus zu geraten und Jungs bereits ganz zeitig gelernt haben, dass sie auf gar keinen Fall aus dem Fokus fallen dürfen.

Worte und Glaubenssätze haben Macht. Weiter gehts.

02

Heul doch, wie ein Mädchen!

Mein Lebensplan war es einen Mann fürs Leben zu finden. Schlichtweg, weil ich als Mädchen sonst als ungeliebt und unbegehrt da stehen würde. Also kümmerte ich mich nicht um Investments in mich und meine persönliche Zukunft, sondern ich investierte Zeit, Emotionen und Gedanken in den aktuellen Mann in meinem Leben. Das der Mann dann wieder verschwand und es sich jedes Mal wie ein kompletter Neuanfang anfühlte, war schmerzhaft. Aber diese Kämpfe würden dafür sorgen, dass ich am Ende des Weges mit meinem Traumprinzen belohnt werden würde.

Denn um geliebt zu werden, muss Frau erst kämpfen.

Denn Mädchen heulen, Jungs nicht. Mädchen zeigen also Gefühle und zeigen sich Schwach. Jungs nicht. Spricht eine Frau wertschätzend aus der Ich-Perspektive zu ihrem Partner, dann versteht der nur Bahnhof.

„Ich wünsche mir, dass du mich mehr an deinem Leben teilhaben lässt, weil ich sonst Angst davor habe, dass wir uns emotional entfernen.“ Sagt sie.
Er denkt sich „Was habe ich Falsch gemacht? Ist eine Handlungsanweisung enthalten? Muss ich jetzt überhaupt etwas tun? Ich habe keine Ahnung was sie nun schon wieder will.“

Männer haben kaum den Auftrag im Leben bekommen, sich eine Partnerin zu suchen um damit ein ganzer Mann zu sein. Sie sollen von klein auf, den ersten Platz im Wettkampf holen. Sie sollen keine Weicheier sein. Also folgen sie diesem Plan. Und da ist es völlig egal, ob sie einer anderen Person emotional verbunden bleiben. Sie bleiben auf ihrer Verstandsebene (das wird erwartet) und die Frauen auf ihrer Gefühlsebene (auch das wird erwartet).

03

Du wirfst wie ein Mädchen!

Halten wir hiermit fest. Mädchen sollen angepasst und liebevoll sein. Sie kümmern sich um die Beziehungsarbeit und sichern den Erfolg der Männer, in dem sie schlichtweg übersehen werden. Aber woher kommt es, dass Frauen in unserer Gesellschaft so schwer zu erkennen sind?

Meine Erfahrungen waren für mich lange Zeit ganz einzigartig. Um so mehr ich mich aber mit meinen persönlichen Triggerpunkten beschäftige, um so mehr sehe ich, wie weit verbreitet meine Probleme in der Gesellschaft sind. Aber eben nur auf der weiblichen Seite.

Die Welt wird unverbindlicher. Männer haben kaum Probleme mit der Freundschaft plus Thematik. Sie bekommen erst die Probleme, wenn die beteiligte Frau ein Problem damit kommuniziert. Männer haben auch kein Problem damit, sich Gehör zu verschaffen. Frauen müssen öfter und hartnäckiger um Gehör bitten, bis sie gehört werden.

Aber in unseren Köpfen gibt es eine abgespeicherte Annahme: Frauen können nicht das selbe leisten wie ein Mann. Denn Mädchen konnten schon damals schlechter werfen als Jungs. Überhaupt können Jungs alles besser als Mädchen. (Ironie off)

Fazit

Unsere unerfüllten Bedürfnisse sind oft nicht Inividuell, sie zeigen den Preis für ein funktionierendes Patriarchat

Bei meinen Ausführungen kann der Eindruck entstehen, dass Männer die Bösen sind. Von dieser Interpretation möchte ich mich distanzieren. Fakt ist, dass Frauen einer doppelt und dreifach Belastung ausgesetzt sind und diese oftmals bis zur Erschöpfung als Selbstverständlichkeit erfüllen. Dies bringt weder dem Mann, noch der Frau in diesem Konstrukt etwas. Wir können als Einzelne nicht das Große und Ganze verändern, aber uns für ein besseres Bewusstsein einsetzen.

Und natürlich gibt es Frauen und Männer die von den oben genannten Punkten nicht betroffen sind. Es wäre schön, wenn wir hier dann nicht mehr von der Ausnahme sprechen, sondern vom Regelfall. Frauen und Männer verfügen über die selbe Emotionen. Die Rollenerwartungen unterscheiden sich und nehmen keine Rücksicht auf individuelle Präferenzen. Alles was der Rollenerwartung nicht entspricht, wird bewertet und damit verurteilt.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen