Das Prinzip Nr. o1

Lovebombing

Das Kennenlernen

Oder: Woran du erkennst, ob jemand wirklich dich meint

Ich beschäftige mich gerade ziemlich intensiv mit dem Thema Lovebombing. Nicht, weil ich gerade Angst davor habe. Eher im Gegenteil. Weil ich langsam in einer gesunden Partnerschaft ankomme und dabei merke, wie schwierig es eigentlich sein kann, gesunde Begeisterung von Lovebombing zu unterscheiden.

Denn das Verrückte ist: Sie sehen sich am Anfang ziemlich ähnlich.

Wenn ich mich verliebe, bin ich begeistert. Natürlich bin ich das. Ich möchte diesen Menschen sehen, ich möchte Zeit mit ihm verbringen, ich erzähle ihm, wie großartig ich ihn finde. Ich kann mir plötzlich vorstellen, mit ihm zusammenzuziehen, zu heiraten, Kinder zu bekommen oder irgendwann gemeinsam alt zu werden.

Und wenn ich verbal einigermaßen begabt bin, dann sage ich das vielleicht sogar. Das ist nicht automatisch Lovebombing. Das ist manchmal einfach ein Mensch, der gerade hoffnungslos verliebt ist. Der entscheidende Unterschied liegt deshalb nicht unbedingt darin, wie viel jemand fühlt oder sagt.

Vielleicht liegt er viel eher darin, was mit deiner Freiheit passiert, während dieser Mensch dich liebt.

«Gesunde Zuneigung schafft Nähe. Sie nimmt dir nicht den Raum.»

Die Zukunft darf schön sein, ohne schon festzustehen.
Natürlich kann ich mir im Moment vorstellen, mit einem Menschen zusammenzuziehen.
Ich kann mir vorstellen, ihn zu heiraten.
Ich kann mir vorstellen, mit ihm Kinder zu bekommen.
Ich kann mir sogar vorstellen, irgendwann mit ihm alt zu werden.

Wenn es gerade wahnsinnig gut läuft, wäre es doch absurd, sich diese Gedanken zu verbieten. Aber zwischen: «„Ich kann mir das mit dir vorstellen“»
und «„So wird unsere Zukunft aussehen“» liegt ein ziemlich großer Unterschied.

Denn beim ersten Satz bleibt eine Tür offen.

Wir müssen erst noch herausfinden, wie wir im Alltag funktionieren. Wie wir mit Stress umgehen. Wie wir streiten. Wie wir Grenzen setzen. Wie wir uns wieder vertragen. Wie viel Nähe wir brauchen. Wie viel Freiheit. Wie wir mit Geld, Haushalt, Krankheit, Kindern und den ganzen langweiligen Dingen umgehen, aus denen ein gemeinsames Leben irgendwann besteht.

Man kann Zukunft träumen, ohne sie zu beschließen. Und genau das erhält die eigene Handlungsfähigkeit.

«Du darfst dich in eine gemeinsame Zukunft verlieben, ohne dich bereits an sie zu binden.»

Worte und Taten

Ein euphorisch verliebter Mensch kann unglaublich viel sagen. Aber irgendwann passiert etwas Entscheidendes:
Seine Worte bekommen eine Realität.

„Ich möchte dich sehen“ bedeutet nicht zwingend, dass er jeden Tag Zeit hat. Aber er sucht nach Möglichkeiten.
„Ich vermisse dich“ bedeutet nicht zwingend, dass er seine gesamte Woche für dich umwirft. Aber er möchte wissen, wann ihr euch wiederseht.
Es entstehen Zeitfenster. Treffen. Gemeinsame Erlebnisse. Verbindlichkeit.

Nicht perfekt. Nicht immer sofort.

Aber grundsätzlich in beide Richtungen.

«Worte malen ein Bild. Taten zeigen, ob jemand wirklich darin lebt.»

Beim Lovebombing kann dagegen die Sprache riesig sein, während die Realität erstaunlich klein bleibt.
Es ist rauschhaft, wenn ihr zusammen seid.
Und ein Riesenverlust, wenn ihr nicht zusammen seid.
Heiß und kalt. Nähe und Entzug. Euphorie und Unsicherheit.

Und plötzlich bist du nicht mehr wirklich handlungsfähig. Du reagierst nur noch. Setz kleine Grenzen

Deshalb finde ich inzwischen kleine Grenzen beim Kennenlernen unglaublich hilfreich.

Nicht als Test. Nicht als Spiel. Nicht nach dem Motto: „Jetzt schaue ich mal, was er macht.“ Sondern einfach, weil du ein eigenes Leben hast.

Du sagst: «„Ich würde dich wahnsinnig gerne sehen. Aber ausgerechnet an diesem Tag kann ich nicht.“»

Und dann beobachtest du. Gibt es einen Alternativvorschlag?
„Schade. Dann vielleicht Dienstag?“
Oder ist es immer nur dieses eine winzige Zeitfenster?
Entweder du greifst zu – oder du hast Pech.

Natürlich kann ein Mensch einmal wirklich keine Zeit haben. Natürlich kann eine Woche voll sein. Natürlich hat jeder Verpflichtungen. Es geht nicht um einen einzelnen Termin. Es geht um das Muster.
«Bewegen wir uns aufeinander zu – oder muss ich mich in das Leben des anderen hineinorganisieren?»

Das Gleiche gilt für Kommunikation.

Er kann wahnsinnig viel Raum in deinem Leben einnehmen. Er schreibt viel. Er erzählt viel. Er möchte deine Aufmerksamkeit. Er möchte wissen, was du denkst. Aber sobald es um etwas geht, das dich betrifft, wird die Antwort plötzlich schwierig. Dann beginnt dein Kopf zu arbeiten. Vielleicht muss er erst darüber nachdenken. Vielleicht hat ihn das getriggert. Vielleicht war ich zu viel. Vielleicht habe ich ihn überrannt. Vielleicht sollte ich mich ein bisschen zurücknehmen. Und vielleicht stimmt irgendeine dieser Erklärungen sogar.

Aber irgendwann darf man sich auch die einfachere Frage stellen: «Warum bin eigentlich immer ich diejenige, die sich erklären und anpassen muss?»

Eine gesunde Beziehung braucht nicht zwei Menschen, die ständig perfekt funktionieren. Aber sie braucht zwei Menschen, die Raum füreinander schaffen können.

Aufeinanderzubewegen oder Platz einnehmen?

Das ist für mich inzwischen eine der wichtigsten Fragen beim Kennenlernen.

Schau bei den Anfängen genau hin. Ist es ein Aufeinanderzubewegen? Oder ist es ein Platz einnehmen?

Und mit Platz einnehmen meine ich nicht, dass du keine freie Wahl mehr hast. Ich meine die Dynamik, in der einer vorgibt, wie Nähe funktioniert. Wann man sich sieht. Wie viel Raum die Beziehung bekommt. Wie viel du investieren musst. Wie viel Geduld du haben musst. Wie viel Verständnis du aufbringen musst. Und irgendwann entsteht ein Gefälle zwischen zwei Menschen, die sich eigentlich gerade erst kennenlernen.

Du gibst sehr viel, um dir einen Platz in seinem Leben zu verdienen. Und dann sammelst du die kleinen Krümel an Zuneigung auf, die zwischendurch herunterfallen.
«Liebe ist kein Auswahlverfahren, bei dem du dich durch immer mehr Leistung für einen Platz im Leben eines anderen Menschen qualifizieren musst.»

Wenn du dich schon in der Kennenlernphase fragst, was du tun musst, damit er dich wiedersehen möchte, damit er antwortet, damit er mehr Nähe zulässt, damit du interessant genug bleibst, dann ist etwas aus dem Gleichgewicht geraten.

Denn gesunde Verliebtheit fühlt sich anders an. Sie muss nicht immer gleich verteilt sein. Aber sie bewegt sich. Von beiden Seiten. Menschen sind keine Funktionen!

Und dann gibt es noch etwas, auf das ich inzwischen sehr genau höre: Wie spricht jemand über seine Vergangenheit?

Natürlich darf jemand von seinen Ex-Partnern erzählen.

Natürlich darf er verletzt worden sein. Natürlich darf eine Beziehung schiefgegangen sein. Und natürlich darf er auch sagen, dass ein anderer Mensch sich schlecht verhalten hat. Aber irgendwann hört man den Unterschied.

Der eine erzählt von Menschen. Der andere erzählt von Funktionen.
Die Ex, die zu viel wollte.
Die Ex, die zu wenig Sex wollte.
Die Ex, die ihn betrogen hat.
Die Ex, die hysterisch war.
Die Ex, die immer nur Probleme gemacht hat.

Und irgendwann scheint es, als wären da nicht mehrere individuelle Menschen mit unterschiedlichen Geschichten gewesen, sondern eine Reihe von Personen, die allesamt an seiner Erwartung gescheitert sind.

Das bedeutet nicht automatisch Narzissmus.

Aber es ist etwas, bei dem ich genauer hinhören würde.

Denn Menschen, die wirklich lieben können, müssen ihre vergangenen Beziehungen nicht verklären. Sie dürfen sagen:„Das hat nicht funktioniert.“
„Ich wurde verletzt.“
„Wir haben uns auseinanderentwickelt.“
„Ich habe mich geirrt.“
„Ich habe Dinge falsch gemacht.“
„Ich habe etwas aus dieser Beziehung gelernt.“

Es geht nicht darum, die Ex-Partner plötzlich toll zu finden. Es geht darum, sie weiterhin als Menschen wahrzunehmen.

«Da war einmal ein Mensch. Kein Gegenstand in meiner Sammlung von Fehlentscheidungen.»
Denn zwei Menschen können sich ähnlich verhalten und aus völlig unterschiedlichen Motiven handeln.

Es gibt keinen Grund, einen Menschen mit einem anderen zu vergleichen. Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit. Seine eigenen Verletzungen. Seine eigenen Bedürfnisse. Seine eigene Persönlichkeit.

Und genau das ist für mich ein wesentlicher Unterschied: Sieht dieser Mensch mich?

Oder sieht er in mir die Funktion, die ich in seinem Leben erfüllen soll?

Mein Bauchgefühl ist kein Diagnosetool, aber….

Ich habe in meinem Leben definitiv Männer kennengelernt, bei denen ich im Nachhinein deutliche Parallelen zu narzisstischen Beziehungsmustern sehe. Ob diese Männer tatsächlich Narzissten waren, kann und will ich nicht beurteilen. Aber ich habe gelernt, auf etwas anderes zu achten. Auf dieses ganz feine Gefühl.

Nicht auf: „Dieser Mensch ist ein Narzisst.“
Sondern auf:
«„Irgendwas passt hier für mich nicht.“»

Mein Bauchgefühl ist dabei kein Diagnosetool. Es kann sich irren. Es kann von alten Erfahrungen geprägt sein. Es kann Alarm schlagen, obwohl gerade gar keine Gefahr besteht. Aber ich habe auch gelernt, dass mein Verstand unglaublich gute Argumente dafür finden kann, warum mein Bauchgefühl sich gerade irrt.

Vielleicht hat er Angst. Vielleicht braucht er Zeit. Vielleicht ist er einfach so. Vielleicht war ich zu empfindlich. Vielleicht muss ich verständnisvoller sein. Vielleicht muss ich mich ein bisschen zurücknehmen.

Ich kenne diese Argumente.

Ich habe sie selbst oft genug benutzt.

Heute möchte ich weder meinem Bauch blind glauben noch ihn wieder zum Schweigen bringen.

Ich möchte beobachten.

Die wichtigste Frage ist nicht: Wie sehr liebt er mich? Vielleicht ist das die eigentliche Lektion, die ich aus all dem mitnehme.

Beim Kennenlernen interessiert mich nicht mehr nur: Wie begeistert ist dieser Mensch von mir?

Sondern: Was passiert, wenn ich nicht so funktioniere, wie er es gerne hätte?

Was passiert, wenn ich Nein sage?

Was passiert, wenn ich Zeit für mich brauche? Was passiert, wenn ich anderer Meinung bin? Was passiert, wenn ich langsamer bin? Was passiert, wenn ich nicht sofort verfügbar bin? Was passiert, wenn ich Raum brauche?

Denn daran zeigt sich etwas, das Komplimente niemals zeigen können: Ob meine Freiheit in dieser Beziehung genauso willkommen ist wie meine Nähe.

«Du erkennst gesunde Liebe nicht daran, dass jemand dich unbedingt haben will. Du erkennst sie daran, dass er dich haben will und du trotzdem frei bleibst.»

Vielleicht ist das der Unterschied, den ich heute zwischen Lovebombing und gesunder Verliebtheit am deutlichsten spüre.

Nicht die Intensität. Nicht die Anzahl der Nachrichten. Nicht die großen Zukunftspläne. Nicht einmal die Schmetterlinge.

Sondern die Freiheit.

Gesunde Verliebtheit macht mich nicht kleiner. Sie macht den Raum zwischen zwei Menschen größer. Und vielleicht ist genau das der erste Schritt beim Kennenlernen: Nicht herauszufinden, ob dieser Mensch mich will.

Sondern herauszufinden, ob er wirklich mich meint.

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